Morgens sah ich sie schon auf dem Weg zur Arbeit an ihrem Liegeplatz liegen, auf dem Rückweg genoss ich dann, dass ich langsamer an ihr vorbeifahren musste und als ich dann gegen Mitternacht das Ablegen im Fernsehen sah, überkam mich das Gefühl, sie persönlich verabschieden zu wollen, die Queen Mary 2.
Dank der Großzügigkeit und des Verständnisses meiner Angebeteten rollte ich also mit ihrem Auto Richtung Elbe, ein bißchen ängstlich, nicht rechtzeitig dort zu sein, was sich aber später als halsbrecherische Überschätzung der Geschwindigkeit im Flußbereich oder halsbrecherische Unterschätzung der Entfernung vom Hamburger Hafen zu meinem Standpunkt am Deich herausstellte.
So stand ich dann also zwischen etwa 200, den Deich entlang verteilten, größtenteils wortkargen Menschen und harrte der Dinge, die da kommen sollten. In weiter Entfernung waren ab und zu sehr hoch fliegende Teile von Feuerwerken zu sehen, ab und zu ein Schiff, das die Elbe hinauf fuhr, ab und zu ein Motorboot, das zur Mitte des Flusses und wieder zurück fuhr, ab und zu Schemen anderer Menschen, die den Deich entlang spazierten, immer wieder ins Halbdunkel des Flusses spähend. Mehr aber auch nicht.
Nun war mein Standort auch sicher nicht der Beste, den Blick flußaufwärts verdeckt durch die Insel namens Hanskalbsand, aber gerade das machte die Sache irgendwie noch spannender. Ich hatte auch keine Ahnung, wie an dieser Stelle die Elbe verläuft und so war das Auftreten Ihrer Majestät für mich überwältigend.
Das erste, was ich sah, war ein heller Lichtfleck auf der Unterseite der tiefhängenden, dunklen Wolkendecke, der sich kaum merklich bewegte. Dann zeigte sie sich ganz subtil in Form der Scheinwerfer an ihrem Schornstein zwischen den Baumkronen. Als nächstes offenbarte sie mir vorsichtig ihr Oberdeck und nachdem die sie begleitenden Polizeiboote meine Aufmerksamkeit auf den Punkt gelenkt hatten, an dem sie um die Spitze der Insel herum zu sehen sein würde, schob sie auch schon ihren dunklen Bug durch die noch dunklere Nacht um schließlich ihre gleißend hell erleuchtete Pracht in voller Gänze zu präsentieren.
Mann, was für ein majestätischer Anblick.
Ich kann nicht sagen, dass sie mir sonderlich riesig erschien, was wohl vor allem daran lag, dass es nichts in der Nähe gab, das ich irgendwie in Beziehung hätte setzen können, aber der Versuch, einzelne Menschen auf Deck oder an einer Reling auszumachen, verdeutlichte mir, dass mein Eindruck täuschte.
Und so zog sie auffallend leise an mir vorbei und ich ergab mich der Faszination, von der ich nicht weiß, woher sie kommt und als sie dann weiter stromabwärts fuhr und ich ihr nur noch ihr Heck zwischen den Hochspannungsmasten in Lühe sah, war ich tief beeindruckt und konnte mich nur schwer von diesem Anblick trennen.
Der krönende Abschluss meiner Audienz bei der Königin der Meere war dann auch der Höhepunkt: Sie ließ zu meinem ganz persönlichen Abschied (haha) ihr sonores Nebelhorn ertönen. Es ist nicht laut, es ist einfach nur tief und irgendwie ein bißchen heiser, es war ein wahnsinnig angenehmes Geräusch und ich war echt ergriffen und so blieb mir nichts anderes als die eine und die andere Träne abzudrücken.
Mädchen, komm' bald wieder.

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