Mann, Mann, Mann.
Sitze ich doch heute Morgen in der Bahn als an einem Bahnhof eine Schulklasse einsteigt. 6.Klasse, würde ich tippen. Wer das schon mal erlebt hat, weiß, wovon ich spreche. Ein Riesenhallo, aufgeregtes Gejuchze, Geschiebe, Gelache, Gekreische. Und ständiges Plätzewechseln. Bei jedem Anfahren oder Bremsen der Bahn fallen beinah alle um, weil sie sich nicht festhalten, und stützen sich bei der nächsten Möglichkeit, beim Nachbarn, sonstwo ab. Da werden dann eben auch mal andere Fahrgäste angerempelt. Kein Problem eigentlich, wird ja niemand verletzt. Alles in allem herrliche Unruhe also, endlich mal was los auf der Fahrt und echt beruhigend zu sehen, dass die Generation nach uns noch nicht in Apathie verfallen ist.
Stand da so ein vergrätzter, einsneunzig großer Mittvierziger mit Hut und Mantel, in der einen Hand einen Aktenkoffer, in der anderen die Süddeutsche Zeitung und warf zwischen der Lektüre ab und zu angewiderte Blicke auf die zwei Mädchen in seiner unmittelbaren Nähe, von der die eine immer zwischen ihrem Platz und der hinteren Bank hin und her lief, auf der offenbar eine ihrer Freundinnen saß, um ihr zu erzählen, was ihre andere Freundin gerade gesagt hatte. Dabei stieß sie mit erheiternder Regelmäßigkeit gegen die Zeitung des Mannes, sowohl auf dem Hin- als auch auf dem Rückweg. Ich beobachtete den Mann und musste schmunzeln, denn irgendwie sah er so aus als überlegte er die ganze Zeit, wie der vernichtende Spruch lauten müsste, den er dem Mädchen an den Kopf knallen könnte. Immerhin, so wurde mir bewusst, fuhr ich durch Hamburg, der Stadt, in der Kindertagesstätten geschlossen werden müssen, weil sich Anwohner über drei Stunden fröhliche Kinder am Tag beschweren und vor Gericht auch noch Recht bekommen.
Na ja, offenbar ist dem Mann dann aber kein passender Spruch eingefallen, denn plötzlich griff er sich den Oberarm des Mädchens und sagte: "Pass gefälligst mal auf. Wenn Du das noch ein Mal machst, setzt es was!" "Huh", dachte ich, so lange überlegt und dann doch nur so ein Mistding, das ihm da entgleitet. Die Frau, die ihm gegenüber lehnte, sah ihn auch nur entgeistert an und hob an, ihm offenbar zu vermitteln, was sie von seiner unangemessenen Bemerkung hielt als das Mädchen ruckartig ihren Kopf in Richtung des Mannes drehte, ihn kurz musterte und dann mit ziemlich ruhiger Stimme sagte: "Lassen sie mich los, sonst zeige ich sie an."
Das hat er dann auch gleich gemacht, erntete nicht nur von der Schulklasse reges Gelächter und wurde auch nicht mehr "belästigt", weil das Mädchen, das auf der Bank gesessen hatte, sich lachend zu den beiden anderen gestellt hatte, um mit ihnen die Köpfe zusammen zu stecken und zu tuscheln, während sie immer wieder in Richtung des Mannes sahen.
Erschreckend, wie wenig Toleranz manche Menschen aufbringen können.
Und schön zu sehen, dass es die Kinder offensichtlich nicht sehr beeindruckt.

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